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Ehevermittlung Brasilien
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Die Wissenschaft
des Verliebens
von Parvin Sadigh
Wer im Internet nach einem neuen Partner
sucht, kann sich mal im Kaufhaus umschauen oder sich den Richtigen
wissenschaftlich vom Computer ausrechnen lassen. Ein Selbstversuch
Wie verliebt man sich eigentlich? Ist es
der Blitz, der einschlägt? Der strahlende Blick? Müssen einfach die
äußeren Umstände passen? Familie, Status, Geld, dann noch Aussehen und
Alter, eventuell auch Interessen und Überzeugungen? So, wie früher Ehen
vermittelt wurden – angeblich soll das gar nicht so schlecht
funktioniert haben. Oder müssen Charaktereigenschaften und Psychomacken
unbedingt auch zusammenpassen? Oder sucht man eher einen, der an vielen
Stellen nicht wie angegossen sitzt, an dem man sich reiben will, der zu
Neuem inspiriert, mit dem man sich verändern kann? Wahrscheinlich stimmt
das alles, je nach Lebenssituation und Persönlichkeit. Bloß wie kommt
ein Computer damit klar?
Es ist zumindest nicht mehr sehr
peinlich, zuzugeben, dass man im Internet auf die Suche nach dem oder
der Richtigen geht. Partnerbörsen haben im letzten Jahr viele neue
Kunden gewonnen und viel Geld verdient. Nach Auskunft des Bundesverbands
der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom)
ist die Zahl der Deutschen, die in Kontaktportalen im Internet
angemeldet sind, rasant gestiegen: 7,2 Millionen suchten dort im
September diesen Jahres nach dem Mann oder der Frau fürs Leben, das sind
rund 24 Prozent mehr als im September 2006 - damals waren es 5,8
Millionen. Jeder kennt jemanden, der auf diese Weise versucht, dem
Zufall etwas nachzuhelfen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Auswahl
an Menschen, denen man begegnen kann, wird viel größer als das, was man
mit Volkshochschulkursen, Sportvereinen und Diskobesuchen erreichen
könnte.
Es gibt viele und vielfältige
Kontaktbörsen im Netz. Kaufhäuser, in denen man – so könnte man glauben
- zwischen Hunderten von Fotos in der gewünschten Altersgruppe und der
passenden Postleitzahl das hübscheste Gesicht wählen kann. Wenn man nur
einen One-Night-Stand sucht, kann man auf gewissen Seiten sogar nach dem
schönsten Po fahnden. Ob man damit erfolgreich ist oder professionellen
Lockangeboten auf den Leim geht, das ist wohl Glückssache. Es gibt
kleine dezente Läden für den gepflegten Seitensprung zwischen
wohlhabenden Menschen über vierzig. Und im Hinterhof die Werkstatt, die
gleich darauf den Partner auf seine Treue testet.
Und es gibt die High-Tech-Läden, die die
Wissenschaft auf ihrer Seite haben. In Deutschland sind das
Partnerbörsen wie Parship (die mit dem ZEIT-Verlag wirtschaftlich
verbunden ist) und Elitepartner, die ihre Mitglieder viel Geld zahlen
lassen, ihnen dafür aber einen umfangreichen Psychotest vorsetzen und
sie mit Psychologen, die sich „Single-Coachs“ nennen dürfen, fit machen
wollen für den Heiratsmarkt.
Der Computer vergleicht die ermittelten
Persönlichkeitsmerkmale, sozialen Kompetenzen, Alltagsvorlieben und
Interessen mit denen anderer Mitglieder und präsentiert die mit der
höchsten Übereinstimmung – das sieht man dann an den so genannten „Matchingpunkten“.
100 Punkte, und der perfekte Partner müsste eigentlich gefunden sein. So
viel wird es kaum geben. Schon ab 54 Prozent ist laut Parship
„Paarpotenzial“ vorhanden, ab 70 Prozent empfiehlt der Computer, Kontakt
aufzunehmen.
Um es vorwegzunehmen: Wir haben achtzig
Matchingpunkte, und das gleich in zwei Partnerbörsen, bei Parship und
bei Elite Partner. Wir, ein Paar, das acht Jahre Beziehung, Krisen und
Kinderkriegen überstanden hat und immer noch zusammen bleiben will. Wir
wissen jetzt, was zwei einschlägige Partneragenturen ganz
wissenschaftlich von unserer Paarung halten.
Es ist eine Menge Motivation
erforderlich, sich durch all die Fragen zu quälen, die oft dasselbe auf
andere Weise noch einmal abfragen. Bei Parship sind es 83, bei
Elitepartner über 100. Neben all den Fragen müssen wir uns für und gegen
kleine Bildchen entscheiden oder ihnen eine Bedeutung zuordnen, die ich
entweder nur ansatzweise entschlüsseln kann (Parship) oder die explizit
Werte wie Familie, Ehre, Ordnung, Neugier, Romantik und ähnliches
repräsentieren sollen (Elite Partner). Projektive Tests nennt man die
Bildchen bei Parship. Wie der berühmte Rohrschach-Test (Tintenkleckse)
arbeiten sie mit Assoziationen. Sie geben ergänzende Informationen zu
den Merkmalen, die schon durch Fragen abgedeckt worden sind.
Manchmal klickt man nur noch aus Trotz:
Bei Elite Partner müssen wir mindestens drei, höchstens vier Haustiere
wählen, die wir mögen. Ich will aber mit Haustieren gar nichts zu tun
haben. Es ist ermüdend. Oft entscheide ich mich gegen das eigene Gefühl,
weil ich mich festlegen muss auf eine Eigenschaft, die ich nicht
wirklich fixieren kann. Wie ausführlich könnte ich doch darüber
berichten, wie ich in der einen Situation darauf bestehe, meinen Willen
durchzusetzen und in der anderen sehr nachgiebig und zurückhaltend bin.
Die Psychologin Nicole Schiller, die als „Single-Coach“ für Parship
arbeitet, erklärt, dass pro Merkmal zehn bis elf Fragen gestellt werden.
Dadurch können mögliche Fehler ausgeglichen werden, die entstehen, weil
man sich – wie ich - nicht einordnen kann, weil man sich auch mal so
einschätzt, wie man gerne wäre oder wie man fürchtet, zu sein.
Endlich haben wir dann unsere Ergebnisse.
Und gerade in den Punkten mit dem unguten Gefühl erkenne ich meine
eigene Zauderei. In dem einen Testergebnis (Parship) ist mein
Durchsetzungswille zwar überdurchschnittlich, doch nicht weit von der
Mittellinie entfernt. Mein Freund hat fast die gleichen Werte wie ich.
Im anderen Testergebnis (Elite Partner) werde ich jedoch als geradezu
furchterregend dominant eingestuft. Glücklicherweise wird meinem
Liebsten hier attestiert, dass er „eher dazu neigt, sich unterzuordnen“.
Das passt ja. Denn in dieser Kategorie ist es – verständlicherweise –
vorteilhafter, nicht gleich zu sein, sondern einander zu ergänzen. Nur
scheinen wir beide, je nach Stimmung, mal mehr, mal weniger dominant zu
sein.
Die amerikanische Partnervermittlung „eHarmony“
hat 5000 Paare befragt und herausgefunden, dass diejenigen am
glücklichsten waren, die sich am meisten ähnelten. Mit Ausnahmen, wie
gesagt: Zwei Kontrollfreaks in einer Wohnung, das kann nicht gut gehen.
Nicole Schiller erklärt: Vor allem Interessen und Gewohnheiten sollten
sich ähneln. Die Entwickler vom Elite Partner-Test verweisen ebenfalls
auf soziologische Studien, die belegen, dass ein ähnlicher
intellektueller, kultureller und sozialer Hintergrund Paaren das Leben
einfacher macht. Schiller: „Aschenputtel wäre in Wirklichkeit mit ihrem
Prinzen wahrscheinlich nicht glücklich geworden, weil man sich im Alltag
mit der Familie des anderen, mit den Werten, die einen in der Kindheit
geprägt haben, arrangieren muss.“
In einigen Punkten scheinen die
Testpsychologen der beiden Partnerbörsen jedoch unterschiedlicher
Meinung zu sein. Parship nimmt an, dass auch einzelne Aspekte der
Persönlichkeit wie das Bedürfnis nach Nähe beziehungsweise Distanz eher
gleich sein sollten. Anders Elite Partner, der auch hier schon lieber
von Ergänzung spricht. Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass mein
Freund und ich genau auf demselben Punkt der Linie kleben, die
Aufschluss über unser Nähebedürfnis gibt. Ich stelle es mir doch sehr
anstrengend vor, wenn einer klammert, der andere flieht.
Andere Eigenschaften wie die Neigung,
sehr aktiv zu sein oder eher passiv das Leben anzunehmen oder eben der
Wille, sich durchzusetzen, sollten laut Nicole Schiller von Parship
lieber etwas unterschiedlich verteilt sein. So motiviert mal Anneliese
ihren Peter, in Bewegung zu kommen und dann Peter die Anneliese, sich zu
entspannen. Allerdings sollte man in keinem dieser
Persönlichkeitsmerkmale komplett entgegengesetzt sein.
Die Tests greifen auf etablierte
Persönlichkeitstheorien zurück. Auf die von C.G. Jung zum Beispiel. Er
hatte acht Persönlichkeitstypen identifiziert, indem er vier Funktionen
unterschied: Denken und Fühlen, Sensorik und Intuition. Sie werden
jeweils mit den Eigenschaften "introvertiert" und "extrovertiert"
kombiniert. Unter anderem daraus wurden die Fragen von Parship
entwickelt. Eine andere Theorie, die in den Test eingeflossen ist, nennt
sich Transaktionsanalyse und kann zur Interpretation des
Kommunikationsverhaltens eines Menschen genutzt werden. Drei
Kommunikationstypen werden auf der Basis von Freuds Ich, Es und Über-Ich
herausgefiltert: Das Erwachenden-Ich, es argumentiert der Situation
angemessen und logisch. Das Kind-Ich kommuniziert natürlich, rebellisch
oder angepasst, und das Eltern-Ich nimmt Werte und Normen als Maßstab
Schon kurz nach dem Ausfüllen des Tests
geht es los: Sowohl auf der eigenen Webseite als auch im Mail-Postfach
landen die Partnervorschläge, einige wenige Anschreiben folgen.
„Kaufmann, 45, natürlich, anpassungsfähig, einfühlsam, zärtlich und
optimistisch.“ Außerdem gibt es eine Liste mit den Leuten, die auf mein
Profil geklickt haben – potenzielle Interessenten also. Von Elite
Partner landen immer wieder Sozialarbeiter, Pfarrer und andere
einfühlsame Menschen in meinem Postfach. Zumindest kommt es mir so vor,
und ich habe all diese Männer im Verdacht, hündisch unterwürfig zu sein.
Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf, dass ich so dominant sein soll.
Mein Freund erhält Post von einer 26-jährigen Studentin. Oha.
Am meisten Spaß macht es, die Profile,
das so genannte „Er über sich“ beziehungsweise „Sie über sich“ zu lesen.
Die wenigsten beherrschen es allerdings, sich darzustellen. Dabei wird
es den Partnersuchenden schon sehr leicht gemacht im Vergleich zu
anderen Dating Sites, für die man einen Text frei formulieren muss.
Sowohl von Parship als auch von Elite Partner werden uns Teilsätze
vorgegeben, die man ausfüllen kann. „Zwei Dinge, von denen ich mich nie
trennen würde... „ „Ein Tag ist für mich perfekt, wenn ...“ „Mein
Lieblingsbuch ist ...“ Damit versuchen die Psychologen das Konkrete, das
Besondere aus dem Menschen herauszukitzeln. Leider geschieht es dann
immer noch häufig, dass einer schreibt: „Ein Tag ist für mich perfekt,
wenn die Sonne scheint“. Parship und Elite Partner veröffentlichen
deshalb umfangreiche Ratgeber zum Profile schreiben. Es gibt kostenlose
Telefonsprechstunden, in denen man sich über das richtige Foto, den
guten Text oder das erste Treffen beraten lassen kann.
Mein Freund und ich beginnen zu
vergleichen, wer erfolgreicher am Markt ist. Argwöhnisch verdächtigen
wir einander. Findet sie jetzt einen Millionär? Er eine jugendliche
Weltreisende? Nach einigen Wochen haben wir beide nicht mehr gezählt,
wie viele Interessenten es gab. Er hat mehr Post bekommen als ich.
Jeweils fünf Zuschriften nach drei Wochen, ich nur drei. Wer will schon
eine dominante Frau?
Ich lese auch das Profil meines eigenen
Freundes: Warum wusste ich eigentlich nicht, dass seine liebste
Jahreszeit der Herbst ist? Hätte ich mich in so einen verliebt, hätte
ich das vorher erfahren? Hätte ich nicht einen Melancholiker
unterstellt? Überhaupt: Wenn ich mal wieder eine Seite „Er und Ich“
anschaue – die die Übereinstimmung zwischen einem wildfremden Mann und
mir grafisch darstellt - und vergleiche, ob unsere Rückzugstendenz,
Ausgleichsbereitschaft und Häuslichkeit übereinstimmen, frage ich mich:
Wo bleibt die Romantik? Die Aufregung? Das Kribbeln des Kennenlernens?
Wenn ich schon, bevor ich ein Wort mit einem Menschen gesprochen habe,
weiß, dass er ein unglaublich pragmatischer Typ ist, dass es ihm leicht
fällt, Konflikte zu lösen und seine „Werte in der
Kommunikationsfähigkeit eher im unteren Bereich liegen“ - wo soll da die
Magie herkommen?
Chemistry.com,
ein Ableger der amerikanischen Kontaktbörse Match.com, versucht, das
Problem mit dem Computer zu lösen. Die Anthropologin Helen Fischer
entwickelte einen Test, der auf der Funktion bestimmter Neurotransmitter
und Hormone basieren soll. Sie stellte vier Typen her, die sich aufgrund
ihrer Chemie finden sollen. Die Testosteron-Getriebenen nennt sie „Director“,
die Dopamin-Getriebenen „Explorer“ (Forscher), die Serotonin-Getriebenen
„Builder“ (Bauherren) und die Östrogen-Getriebenen „Negotiator“
(Vermittler). Entsprechend sind hier die Fragen des Tests andere. Man
muss erkennen, welche Person ehrlich und welche falsch lächelt oder
Fragen nach extremen Tagträumen beantworten. Tatsächlich soll es auch
eine Bedeutung haben, ob der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger –
dann nämlich sollen die Testosteronwerte im Babyalter besonders hoch
gewesen sein.
Parship
lässt sich auf solche Spielereien nicht ein und sieht das pragmatischer.
Nicole Schiller ist der Meinung, eine Partnerbörse könne nur eine
Vorauswahl bieten, ein Modell. „Man wirft einen Blick durch das
Schlüsselloch, trotzdem trifft man einen unbekannten Menschen.“ Der Mann
oder die Frau, die man sieht, hat einen Vorschussbonus, ansonsten findet
der Austausch offline statt wie eh und je. Viele der erfolgreich
verliebten Paare hätten berichtet, es wäre ein „Verlieben auf den
zweiten Blick“ gewesen. Der Kick kommt erst beim zweiten Date. Immerhin
38 Prozent der zahlenden Mitglieder sollen innerhalb eines halben Jahres
einen Partner gefunden haben. Ob sie einfach Vernunftehen geschlossen
haben oder – auf den zweiten Blick - unsterblich verliebt sind, das
bleibt ihnen überlassen.
Ich werde jetzt jedenfalls all die
fremden Männer aus meinem Postfach löschen. Partnersuche ist schwere
Arbeit, fürchte ich. Aber ich habe viel gelernt. Ich hatte da nämlich
etwas vergessen über die Jahre. Als ich im Profil meines Freundes las,
„In fünf Jahren möchte ich ... nach China oder Nicaragua oder Madagaskar
gereist sein“ ist mir wieder eingefallen, was wir alles noch nicht
gemacht haben. Nächstes Jahr fahren wir nach Brasilien.
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